Donnerstag, 28. April 2011

Geopolitische Verschiebungen


Geopolitische Verschiebungen

Wir erleben eine gewaltige Verschiebung der weltweiten geopolitischen Realitäten.
Das grosse Buch der Weltgeschichte ist eben nicht zu Ende geschrieben, ein neues Kapitel ist eröffnet worden, und noch weiss niemand was darin stehen wird.
Geschrieben sind erst die ersten Sätze.
Die hegemoniale Macht der USA verschwindet zusehend.
Staaten, welche noch vor wenige Monate fest im geopolitischen System der USA eingebettet schienen, scheren aus dieser Ordnung aus.


Was am 17. Dezember 2010 in Tunesien, nach dem Tod des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi in Sidi Bouzid, mit Unruhen begann entwickelte sich rasch zu einer revolutionäre Bewegung, welche zuerst Tunesien erfasste und anschliessend auf die gesamte Region, von Marokko bis zur arabische Halbinsel übersprang.
Das Nachrichtenportal Spiegel Online meinte dazu: „die Protesten seien ein Vorbild für Millionen von Arabern, die seit Jahrzehnten unter ihren korrupten Herrschern leiden“.
Am 5. Januar 2011 brachen Unruhen in Algerien und am 25. Januar 2011 Unruhen in Ägypten aus, die von den Protesten in Tunesien inspiriert waren und grösstenteils vergleichbare Motive hatten.
Zine el-Abidine Ben Ali verliess am 14. Januar 2011, nach 23 Regierungsjahren, fluchtartig das Land.

In Marokko kündigte am 10. März, unter dem Druck der Strasse, Mohammed VI. eine umfassende Verfassungsreform an: "Die Verfassungsreform, die wir heute ankündigen, ist eine wichtiger Meilenstein auf unserem Weg der Demokratie. Diesen Weg verfolgen wir konsequent mit umfassenden politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Reformen. Die Institutionen, der Rechtsstaat, die gute Regierungsführung sollen dabei besonders berücksichtigt werden. Ich will diese Reform - und Gott möge mir dabei helfen."
Zineb El Rhazoui, seit Jahren eine der schärfste Kritikerin des Herrschers traut ihren Ohren nicht: "Das war die erste echte Rede des Königs als Staatsmann, als wahrer Reformer. Politisch gesehen war es ein Donnerschlag. Der König hat alle wichtigen Forderungen der jungen Marokkaner angesprochen - das ist ein Sieg für alle, die mutig auf die Strasse gegangen sind, um für ihre Rechte zu kämpfen!"
Wie der Soziologe Mohamed Darif dazu sagte, haben die Marokkaner den Geist der Freiheit aus der Flasche gelassen.

In Yemen, in Bahrain, in Jordanien und in Syrien gehen die Bürger auf die Strassen um sich einen Traum von mehr Freiheit zu erkämpfen.

In Libyen sind die Auseinandersetzungen zwischen Oppositionellen und der Regierung zum Bürgerkrieg mutiert, und der Westen (NATO) greift in die Kämpfe ein.

Und wie tragisch auch immer dieser Krieg ist er hat „nur“ eine regionale Bedeutung. Wichtig sind die Ereignisse in Libyen aus einem ganz anderen Grund, sie zeigen das grosse Zerwürfnis im westlichen Lager auf.
In der NATO findet, meiner Ansicht nach, einen Machtkampf statt, welcher auch mit der Schwächung der USA zu tun hat. Als Nicolas Sarkozy die Verbündete in die Intervention zwang, haben nicht nur innenpolitische Probleme eine Rolle gespielt. Zu oft wird vergessen, dass Frankreich eben nicht Frankreich wäre wenn es sich nicht gegen die US Dominanz positionieren täte. Dies hat weniger mit Antiamerikanismus zu tun, als eher mit dem französische « Sendungsbewusstsein » welches dem der USA in nichts nachsteht.
Seit dem Austritt Frankreichs aus der NATO im Jahr 1966, hat das Land eine selbstständige Aussenpolitik geführt die oft mit der der USA kollidierte. (Man erinnert sich an die Differenzen zwischen Paris und Washington im Jahr 2003.)
Noch haben in der NATO die Atlantisten das Sagen, aber sie waren eindeutig auch schon stärker. Ob die weitere Schwächung der USA die europäische Verteidigungsunion wieder aufs Parkett bringen wird, wird sich noch zeigen.

Für den Westen und vor allem für die USA dürften aber andere Ereignisse viel wichtiger sein.
Auf der Arabische Halbinsel geschehen sonderbare Dinge.
Saudi-Arabien nabelt sich offensichtlich von den USA ab und will scheinbar nicht länger als die US-Marionette gelten. Das Land handelt selbstständig und ist dabei zu lernen seine Macht in der Region auszuspielen. Bis Dato wurde diese Macht über die Arabische Liga ausgespielt, welche ja hauptsächlich durch das Königsreich finanziert wurde.

Dazu wäre Jim Lobes Artikel vom 23. April (auf IPS News erschienen) zu empfehlen.
Er beschreibt die neue Situation und zeigt klar auf, dass Saudi-Arabien eigenständige Politik betreibt und praktisch keine Rücksicht mehr auf US-Meinungen und Ratschläge nimmt.
«The deference shown to the Saudi kingdom, the clear leader of the region's counter-revolutionary wave, is explained by a number of factors, not least of which is its role as the world's swing oil producer at a time when the price of petrol at the pump here has hit the four-dollar-a-gallon level. Political analysts here warn that Obama's chances of re-election – which are currently considered pretty favourable – could be reduced in politically significant ways unless the price comes down by this time next year. “My poll numbers go up and down depending on the latest crisis, and right now gas prices are weighing heavily on people,” Obama himself noted at a fund-raising event in California earlier this week.

»In addition to its great influence over oil prices, Saudi Arabia – and the UAE, for that matter – buys tens of billions of dollars in advanced U.S. weapons systems whose manufacturers are worried about the implications of a declining defence budget at home, and the risks of strained ties between Washington and their big clients overseas, for their bottom lines. […]

»Finally, Saudi Arabia, eagerly backed by the UAE, Bahrain, Kuwait and Jordan, has emerged as the principal regional rival of Iran in what Riyadh and its allies are increasingly depicting as an existential conflict between the Mideast's Sunni and Shia communities. Their eagerness to charge Tehran with foreign interference in the Arab world's internal affairs is music to the ears of the powerful “Israel Lobby” whose patient cultivation of the idea of a “strategic consensus” uniting Israel with the Sunni-led states against Iran finally appears to be bearing fruit over their shared anxieties about the possibly dire consequences of the region's democratisation.

»Thus, Congressional reluctance to provide substantial aid or even debt relief to the wounded and sinking Egyptian economy at such a critical moment in that country's political evolution is due as much to the desire for assurances that its future government will remain faithful to the Camp David Accords and co-operate with Israel on Gaza as it is to the budget-cutting mania that has seized Washington. Cairo's decision last week to begin normalising ties with Tehran will bolster those who believe that a democratic Egypt may not be such a good investment.»

Pat Lang, pensionierten Oberst, und ehemaliger Analyst, spezialisiert auf Nahost-Angelegenheiten bei der Defense Information Agency (DIA) kommentiert die Lage so: «Most Americans, to the extent that they think of it, do not understand how little leverage …the U.S. has with the Saudis. They have decided to change the basic nature of their relationship to the U.S., taking from now on a much more independent course and encouraging resistance to revolutionary groups throughout the region.» (Sic Semper Tyrannis, 22. April 2011)

Der eigenmächtige Kurs Saudi-Arabiens, die immer mehr gegen den Iran fokussierte Politik wecken aber eindeutig auch Befürchtungen, das die Lage in der Region durchaus ausser Kontrolle geraten könnte. Die saudische Intervention in Bahrain, vor allem der Kurs der maximalen Repression, lässt für die Nachbarn nicht viel Gutes erahnen.

Elliott Abrams, einer der führenden Experte für den Nahen Osten und ehemaliger des NSC unter George Bush, jetzt beim Council on Foreign Relations tätig, führt die Gewalt und die Politik der maximale Repression in Bahrain ohne zu zögern auf den saudischen Druck auf das Emirat zurück. Er schätzt die Folgen der Repression für Bahrain und für Saudi-Arabien als Katastrophal ein.

«Why has the King taken this disastrous path? Clearly he has been urged and pressured to do so by his Sunni neighbors in the UAE and especially Saudi Arabia. The contempt for Shia and Shiism in Saudi Arabia is undoubtedly a key factor here, and the Saudis were concerned that an uprising by Bahraini Shia could spread across to the Shia in their own oil-rich Eastern Province. But the actions being taken in Bahrain now make it far more likely that this will be the outcome: Saudi Shia who see the Saudi government repressing Shia in Bahrain will become more, not less, embittered toward their own government. The Saudis also worried about opportunities for Iran to meddle in Bahrain and ultimately in Saudi Arabia itself. But here again, the policy being followed will only create new chances for Iran by assuring enmity and political volatility in Bahrain.

»So the path being followed is disastrous. Perhaps it is not too late for outside figures to try to open a dialogue between the Government of Bahrain and the Shia community, but for that to work the King and the royal family must stop the persecution of the Shia leadership. As of now, they seem intent on crushing the Shia and eliminating all hope of a constitutional monarchy where the majority of Bahrain’s people share with the King a role in building the country’s future. If the King does not change course, he is guaranteeing a future of instability for Bahrain and may be dooming any chance that his son the Crown Prince will ever sit on the throne.»

Ein weiterer Aspekt der Situation betrifft die Arabischen Liga selbst. Adam Morrow und Khaled Moussa al-Omrani, erklären 23 April 2011 auf IPS, dass die Arabische Liga, welche seit Jahren, eine Marionette der Saudis war, durch sie bezahlt und ausgehalten, sich bei den arabischen Bevölkerungen absolut diskreditiert hat in dem sie mehr die saudische Positionen verteidigte und durchsetzte, als die Interessen der Völker wahrnahm.

«“From the very beginning, the League has adopted conflicting positions vis-à-vis the popular revolts now rocking the Arab world,” Walid Hassan, international law professor at Alexandria's Pharos University told IPS. “While it supports the Libyan people against the Gaddafi regime, it is overtly backing oppressive regimes elsewhere, especially in the Gulf.”
[…]
»“States of the Saudi-led GCC finance most of the Arab League's activities,” Abdelhalim Kandil, political analyst and editor-in-chief of independent weekly Al-Sout Al-Umma told IPS. “Therefore, the league is subject to disproportionate Saudi influence.” “The Saudi regime, fearing for its own stability, has consistently opposed the Arab uprisings,” he added. “Riyadh hosted Tunisia's Ben Ali after his ouster; pressured Egypt's transitional government not to prosecute Mubarak; continues to support President Ali Abdullah Sallah in Yemen; and, most flagrantly, sent troops to support the Bahraini monarchy.” […]
»According to Kandil, Saudi Arabia has played a chief role in turning the Arab League in recent years into a “bastion of U.S. influence“ lacking any “effective or constructive” role in the region. “Washington's Arab allies, especially Saudi Arabia and Egypt, had long used the League to legitimise U.S. policy in the Middle East,” he said. “As was the case with the 2003 U.S.-led war on Iraq, the west used Saudi's leading role in the League to obtain a resolution allowing it to use military force against Libya.”
»On Wednesday, the League announced the postponement of an Arab Summit scheduled to convene in Baghdad in mid-May. The move came as a response to the Iraqi government's sharp criticism of the recent deployment of Saudi troops to Bahrain. “The decision to delay the summit suggests that Saudi, along with other GCC states, is still trying to maintain its influence over the direction of the League,” said Kandil. But in light of rapidly unfolding political realities, Kandil believes this influence to be waning. “In the past, regional policies were largely determined by an axis consisting of the U.S. and Israel on one hand, and Egypt and Saudi Arabia on the other, with the former two using the latter two to implement their policies,” he said. “But in the revolutionary atmosphere now pervading the Arab world, this era appears to be coming to a close.”»

Diese massive Präsens Saudi-Arabiens auf dem politischen Parkett, die (noch) starken Verbindungen (vor allem der noch immer bei vielen weitverbreitete Glauben an diese Verbindungen) mit den USA, in einer Zeit in welcher deren Macht zusehend bröckelt und das politische Erscheinen immer inkohärenter und inkonsistenter wird, diese Machtspiele nur einen offensichtlichen Zweck haben; die Machterhaltung des Hauses Saud.

Das Paradoxe an diesem Land, welches seit Jahrzehnten als einem dank Ölreichtum in der Opulenz lebenden Ektoplasma ohne Willen, ohne Muskeln oder Nerven, wahrgenommen wurde, ist, dass es sich in einer Zeit in der es in Wirklichkeit als belagerte „Festung“ betrachtet werden sollte, als gnadenloser, unbarmherzigen und gewalttätigen Riesen zeigen will. Einen politischen Entscheid welcher durchaus den Niedergang des Herrscherhauses bedeuten könnte.


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