Montag, 27. Oktober 2008

Die Krise- Was tun?

Die Krisenspirale

Interview: Marcel Hänggi

Vielleicht kann man tatsächlich die Banken retten und damit noch Geld verdienen, meint der St. Galler Ökonom Hans-Christoph Binswanger. Doch damit nimmt man die nächste Krise in Kauf. Und setzt der Umwelt noch weiter zu.

WOZ: Wenn man dem Bundesrat glaubt, dann wird uns die Rettung der UBS nichts kosten: Die UBS wird das Geld mit hohen Zinsen zurückzahlen; die maroden Papiere werden verkauft, sobald sie wieder etwas wert sind. Mit etwas Glück schaut sogar ein Gewinn heraus. Alle gewinnen, niemand zahlt - ein schönes Märchen?

Hans-Christoph Binswanger: All diesen Rettungsaktionen liegt die Vorstellung zugrunde, dass wir einfach einen Unglücksfall haben, den wir bewältigen müssen; danach wächst die Wirtschaft weiter wie gehabt. Die Probleme, die zur Krise geführt haben, werden so aber nicht gelöst.

Die da wären?

Die heutige Verfassung unserer Wirtschaft führt zwangsläufig zu Spekulationen, die Blasen bilden, die dann zwangsläufig entweder platzen oder zu Inflation führen.

Weshalb?

Der normale Gang der Wirtschaft besteht darin, dass die Zentralbanken den Geschäftsbanken Geld leihen, womit die Geschäftsbanken ihren Kunden dann wiederum Kredite gewähren können. Weil das Geld nicht mehr durch Gold oder Silber real gedeckt sein muss, kann auf diese Weise beliebig Geld geschöpft werden. Die Unternehmen nehmen dieses Geld als Kredite auf und kaufen damit Arbeit, Energie und Rohstoffe, um zu produzieren. Aber wenn man mehr Geld verdienen kann, indem man spekuliert, wird das Geld eben nicht nur zur Produktion realer Güter, sondern vermehrt auch zur Spekulation verwendet. Man kauft Wertpapiere in der spekulativen Hoffnung, dass deren Wert steigt, und indem man sie kauft, trägt man zu ihrer Wertsteigerung bei. Das ist vor allem bei tiefen Zinsen interessant. Dabei werden aber keine realen Werte geschaffen, die den steigenden Werten der Wertpapiere entsprechen.

Die Zentralbanken leihen den Geschäftsbanken Geld. Tut also die Nationalbank, wenn sie jetzt der UBS 54 Milliarden zur Verfügung stellt, nichts anderes, als was Zentralbanken immer tun?

Gewissermassen ja, nur jetzt sehr forciert, weil der Interbankenmarkt nicht mehr spielt. Das geschieht in der Hoffnung, dass das Realwachstum wieder ansteigt - aber auch diese Hoffnung ist natürlich spekulativ.

Offenbar hofft man auf viel. Die 6 Milliarden, die die UBS vom Bund erhält, muss sie mit 12,5 Prozent verzinsen. Das heisst doch, man erwartet, dass die marode UBS damit mindestens 12,5 Prozent Gewinn erwirtschaften kann.

Sie muss nicht an jedem einzelnen Franken 12,5 Prozent verdienen, denn sie kann ja ein Vielfaches dieser 6 Milliarden selber als Kredit herausgeben. Das setzt aber voraus, dass die Kreditschöpfung weitergeht.

Das ist für einen ökonomischen Laien sehr abstrakt. Darum einfach gefragt: Kann das gut gehen? Können die Staaten ihre Banken retten und am Ende noch einen Gewinn dar­aus ziehen?

Das kommt darauf an, ob die Natur mitspielt.

Die Natur? Es ist die Rede vom fehlenden Vertrauen der Banken untereinander; es ist die Rede von abenteuerlichen Finanzmarktkonstrukten, die falsch bewertet wurden - lauter symbolische Dinge. Was hat die Natur damit zu tun?

Die Sache kann aufgehen, wenn ein ausreichendes reales Wachstum stattfindet, wenn also Realwerte geschaffen werden, die der erwarteten Wertsteigerung entsprechen. Mit anderen Worten, es muss mehr produziert werden. Dazu braucht es aber Ressourcen. Die Rohstoffe müssen billig sein.

Dann gibt es ja wenigstens eine gute Nachricht in der Krise: Die Rohstoffpreise fallen. Öl kostet weniger als halb so viel wie im Juli.

Der hohe Erdölpreis war zu einem grossen Teil spekulativ. Sobald die Finanzkrise überwunden ist, wird es mit den hohen Ölpreisen aber wieder losgehen - und mit den steigenden Preisen auf ­Metallen, Nahrungsmitteln und so weiter.

Heute spricht alles von der Finanzkrise, vor ein paar Monaten dominierten die Rohstoff- und Nahrungsmittelkrise, und die ökologische Krise verschärft sich weiter. Hängen diese Krisen miteinander zusammen?

Die ersten drei sind monetäre Krisen. Die vierte hängt indirekt damit zusammen, weil der Versuch, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen forciert, was die Umwelt belastet. Da kommt es nun auch zu widersprüchlichen Politiken. Bundeskanzlerin Angela Merkel will jetzt beispielsweise die deutsche Automobilindustrie stützen, die unter der Finanzkrise leidet - dabei wollte man doch wegen des Klimawandels die CO2-Emissionen senken.

Sie sagten zu Beginn, die Spekulation werde durch tiefe Zinsen befördert. Vor allem die US-Zentralbank unter Alan Greenspan verfolgte eine Tiefzinspolitik. Damit konnte sie die Dotcom-Blase auffangen. Hat also die Lösung der letzten Krise zur jetzigen geführt - und bläst man heute schon die nächste Blase auf?

Wenn man am System nichts ändert, nimmt man die nächste Blase oder Inflation in Kauf.

Man pumpt jetzt Geld ins System, weil die Banken nicht mehr liquid sind. Aber eben erklärten Sie, die Krise habe damit zu tun, dass spekulativ zu viele Geldwerte geschöpft worden seien. Hat es denn nun zu viel oder zu wenig Geld im System?

Es fragt sich, wo das Geld ist. Auf dem Interbankenmarkt fehlts offensichtlich. Man hat in diesen Tagen oft gelesen, wie viel Geld durch die Kursstürze vernichtet worden sei, und es wurde geklagt, dass man damit doch so viel Sinnvol­les hätte tun können. Aber was jetzt «vernichtet» wurde, hat es gar nicht gegeben - das war nur fiktives Geld.

Alle sagen, zur Rettung der Banken gebe es keine Alternative.

Das ist für den Moment wahrscheinlich richtig. Aber es müsste nun darum gehen, vorzusorgen, dass man langfristig nicht wieder in dieselbe Situation gerät. Gewiss, es geschieht einiges: Man erhöht nun Eigenkapitalvorschriften und will die Managerbezüge begrenzen. Das ist alles sinnvoll, aber es genügt nicht.

Was braucht es noch?

Ich sehe vor allem zwei Ansätze im monetären Bereich. Der erste ist die Vollgeld­idee. Vollgeld bedeutet, dass die Kredite, die die Banken vergeben, voll gedeckt sein müssen. Eine Geschäftsbank könnte nur noch so viel Kredit vergeben, wie sie selber von der Zentralbank erhalten hat. Dadurch erhielten die Zentralbanken mehr Verantwortung.

Könnte ein Staat so was alleine einführen?

Nein, aber ein grosser Staat wie die USA oder auch die EU könnten die Initiative ergreifen. Es brauchte aber eine internationale Absprache, ähnlich wie seinerzeit in Bretton Woods.

Und der zweite Ansatz?

Man muss sich fragen, ob wir uns die Gesellschaftsform der Aktiengesellschaft in ihrer heutigen Form noch leis­ten können. Die Logik der Aktiengesellschaft führt dazu, dass alle Gewinne letztlich zur Steigerung des Aktienwerts verwendet werden, was die Spekulation fördert. Die Alternative wäre der Stiftungsgedanke: Das Ziel der Unternehmen sollte es nicht sein, möglichst viel Gewinn zu erwirtschaften, sondern Produkte bereitzustellen.

Das hiesse, die Wirtschaft in den Dienst der Gesellschaft zu stellen und ihren Zweck in der Befriedigung von Bedürfnissen zu sehen - statt sie ihrer Eigendynamik zu überlassen?

Es geht vor allem darum, die Eigendynamik der Geldschöpfung und der Aktiengesellschaft und damit die Wachstumsspirale zu bremsen. Nullwachstum ist meines Erachtens unmöglich, aber man müsste das Wirtschaftswachstum auf einem tiefen Niveau halten. Damit würde die Wirtschaft ökologisch verträglicher und weniger krisenanfällig - und erst noch gerechter, weil es dann keine Grundlage für exorbitante Einkommen mehr gäbe.

Sehen Sie Anzeichen dafür, dass man sich in den jetzigen Krisen dar­auf besinnt, was der Zweck der Wirtschaft sein sollte? Gibt es einflussreiche Ökonomen und Wirtschaftspolitiker, die das vertreten, was Sie fordern?

Das Zweite, das ich genannt habe - Stiftungen statt Aktiengesellschaften -, wird vor allem vom Herrn Binswanger aus St. Gallen gefordert (lacht). Aber die Vollgeldidee ist durchaus bekannt und nichts Neues. Eine Weltwirtschaftskonferenz im Stil eines neuen Bretton Woods wird ja tatsächlich diskutiert. Da wäre zumindest der Rahmen gegeben, wo solche Ideen eingebracht werden könnten.

WOZ vom 23.10.2008

http://www.woz.ch/artikel/2008/nr43/schweiz/17019.html